AWO meldet sich zurück

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Mit den Worten "AWO meldet sich zurück" eröffnete Petra Rossbrey, Vorsitzende des Präsidiums die Veranstaltung des Kreisverbandes zur Kommunalwahl 2026 am 21.01.2026. Mit „Soziale Politik für Frankfurt:Vom Nebeneinander zum Miteinander – Strategien für eine gerechte Stadt“ war der Abend im nahezu voll besetzten Panoramasaal der Evangelischen Akademie überschrieben und Petra Rossbrey, Vorsitzende des Präsidiums des AWO-Kreisverbandes stellte in ihrem Eingangsstatement fest: Obwohl der Kommunalwahlkampf bereits läuft und Parteien um Wählerstimmen werben, werden schwächere Bevölkerungsgruppen oft übersehen – etwa Menschen mit geringen Ressourcen oder ohne starke Lobby, die sich häufig nur durch Wahlenthaltung äußern können. Dies schwäche die Demokratie, die auf die Teilhabe aller angewiesen ist, nicht nur der lautesten oder einflussreichsten Gruppen.

Soziale Ungleichheit trotz Reichtum

Daher setze sich die Arbeiterwohlfahrt Frankfurt mit der Veranstaltung für eine gerechtere Stadt ein, die allen Menschen gerecht wird. Frankfurt ist reich, doch soziale Ungleichheit bleibt: Trotz hoher Sozialausgaben (2,76 Mrd. €) erreichen Hilfen oft nicht die Schwächsten. Statt nur mehr Geld zu fordern, braucht es bessere Koordination der Angebote und echte Teilhabe. Aktuell profitieren Wohlhabende stärker von öffentlicher Infrastruktur. Die AWO Frankfurt fordert: vom Nebeneinander zum Miteinander – für eine gerechte Stadt, in der alle gehört und unterstützt werden. Demokratie lebt von Inklusion, nicht von stiller Enthaltung. Wir brauchen mehr als Einzellösungen – wir fordern eine gesamtstädtische Strategie für soziale Gerechtigkeit.

Den inhaltlichen Einstieg gab Prof. Dr. Mario Rund, Professor für Soziale Arbeit an derHochschule Darmstadt. Er machte deutlich, dass soziale und räumliche Ungleichheit nicht zufällig entsteht. Sie hänge eng damit zusammen, wie Stadtentwicklung, soziale Angebote, Möglichkeiten der Beteiligung und Mitbestimmung und politische Entscheidungen zusammenspielten. Rund wies darauf hin, dass sich soziale Probleme in bestimmten Stadtteilen häufen: hohe Wohnkosten, Verdrängung, fehlende gruppenübergreifende Treffpunkte und wachsende Einsamkeit. Dies gefährdet nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern auch das Vertrauen in Politik und Demokratie.

Sein zentrales Anliegen ist: Frankfurt braucht eine gemeinsame, langfristige Strategie für soziale Gerechtigkeit. Anstatt immer neuer Einzelprojekte brauche es besser abgestimmte Angebote, die sich am tatsächlichen Bedarf der Menschen orientieren und verlässlich wirken. Besonders wichtig sind Orte im Quartier, an denen sich Menschen nach ihren Regeln begegnen, Unterstützung finden und mitreden können – unabhängig von Alter, Herkunft oder Lebenssituation. Eine wichtige Rolle spielt dabei die bessere Verknüpfung verschiedener Planungen in der Verwaltung und der Ausbau der Quartiers- und Sozialraumarbeit, denn sie kann Brücken schlagen zwischen Menschen, sozialen Angeboten, Verwaltung und Politik. Gute Beteiligung und Mitbestimmung entstehen nicht durch einzelne Veranstaltungen, sondern durch kontinuierliche Arbeit, Vertrauen und persönliche Ansprache im Alltag.

Rund betonte außerdem, dass soziale Fragen im politischen Wettbewerb nicht vereinfacht oder gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Eine solidarische Stadtpolitik müsse Ausgrenzung klar benennen und ihr entgegenwirken.

Im Gespräch mit SPD, CDU, GRÜNE und LINKE

Im Rahmen der anschließenden Podiumsdiskussion vertieften Ursula Busch (Fraktionsvorsitzende der SPD im Römer und Mitglied im Ausschuss für Soziales und Gesundheit), Sabine Fischer (sozialpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Römer und Mitglied im Ausschuss für Soziales und Gesundheit), Dimitrios Bakakis (Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN im Römer) sowie Ayse Dahlhoff (DIE LINKE im Römer, Mitglied im Ausschuss für Soziales und Gesundheit) die zentrale Frage, wie gut die sozialen Angebote und die soziale Infrastruktur Frankfurts tatsächlich aufeinander abgestimmt und koordiniert sind.

In der ersten Fragerunde stellte Petra Rossbrey mit Bezug auf die unterschiedlichen Parteiprogramme gezielte Fragen an die Podiumsteilnehmenden. Auf die Nachfrage nach den Effekten der Armutskonferenz 2025 verwies Dimitrios Bakakis (GRÜNE) auf die bessere Verknüpfung verschiedener Daten sowie die intensivierte Zusammenarbeit der Ämter als entscheidende Fortschritte. Nun, da die Bedarfe sichtbar seien, könne gezielt reagiert werden. Zum Thema Digitalisierung betonte er die Bedeutung digitaler Teilhabe und sprach sich für den weiteren Ausbau des Systems der „digitalen Lotsen“ aus.

Ursula Busch (SPD) hob die Notwendigkeit eines flächendeckenden Quartiersmanagements hervor, das ursprünglich als temporäre Lösung gedacht war, sich in ausgewählten Stadtteilen jedoch sehr bewährt habe. Ihr Ziel ist eine Ausweitung auf alle Stadtteile, beginnend in besonders belasteten Gebieten. Das Quartiersmanagement biete nicht nur eine zentrale Anlaufstelle für Informationen und individuelle Hilfen, sondern fördere zugleich die Vernetzung im Stadtteil. Zudem plädierte Busch für ein Frühwarnsystem, das problematische Entwicklungen in den Quartieren frühzeitig sichtbar macht.

Sabine Fischer (CDU), Schulleiterin in einem westlichen Frankfurter Stadtteil, kennt die Herausforderungen aus der Praxis. Sie forderte passgenaue Angebote und betonte, dass die Zusammenarbeit von Jugendhilfe, Stadtentwicklung und Schulen nicht „nebenher“ funktionieren könne, sondern eigener Koordinationsleistungen bedürfe. Auf die Frage nach der Digitalisierung antwortete sie klar: „Es muss auch analoge Angebote geben.“

Ayse Dahlhoff (DIE LINKE) verwies auf die ausreichenden finanziellen Mittel der Stadt, die an Träger weitergegeben werden könnten. Das eigentliche Problem liege darin, dass viele Bürger:innen die bestehenden Angebote gar nicht kennen. Sie forderte deshalb mehr Niedrigschwelligkeit, etwa durch den Ausbau des Quartiersmanagements, und nannte als Beispiel die „Stadtteil-Flüsterer“ im Ortsbezirk 10. Statt einer Priorisierung einzelner Stadtteile sprach sie sich für ein spezifisches Jugend-Quartiersmanagement aus.

Das Publikum redet mit

In der zweiten Diskussionsrunde rückte die Priorisierung von Stadtteilen in den Fokus – ein Ansatz, den alle Parteien außer DIE LINKE für notwendig hielten. Dabei sollten die Bereiche Bildung, Stadtentwicklung, Jugendhilfe und Gesundheit gleichermaßen berücksichtigt werden.

Im abschließenden Plenum standen die Bedeutung des Quartiersmanagements und die Erfahrungen mit Beratungswohnungen in belasteten Wohngebieten im Mittelpunkt. Ein Redner mahnte, die Sozialarbeit müsse wieder stärker auf die Straße gehen. Auf den Hinweis, Verteilungs- und Generationengerechtigkeit zu beachten, verwiesen Vertreter:innen von SPD, GRÜNEN und CDU auf die Einrichtung eines Kinder- und Jugendparlaments. Der Beratungs-Bus in Griesheim zeige bereits, wie Beratung direkt zu den Menschen gebracht werden könne.

Auf die Schlussfrage der Moderatorin, wie die neue Stadtverordnetenversammlung und die Ausschüsse eine ganzheitliche Planung umsetzen könnten, zeigten sich SPD, GRÜNE und CDU offen für integrierte Lösungen, während DIE LINKE eher zurückhaltend reagierte.

Mit dem Versprechen, die aufgeworfenen Themen in weiteren Veranstaltungen zu vertiefen, beendete Petra Rossbrey die Diskussion.