Rede des AWO-Vorstandsvorsitzenden
Auf der diesjährigen Gedenkfeier zu Ehren Johanna Kirchners, einer der Gründerinnen der AWO Frankfurt und Opfer des Nazi-Regimes, hielt unter anderem der Vorstandsvorsitzende des Kreisverbands und der Johanna-Kirchner-Stiftung, Axel Dornis, eine Rede. Allen, die nicht dabei sein konnten sowie den Gästen nochmal zum Nachlesen:
I. Das Erbe von Berlin-Plötzensee
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde und Mitstreiterinnen der Arbeiterwohlfahrt,
wir kommen heute zusammen, um einer Frau zu gedenken, deren Mut, deren Haltung und deren unerschütterlicher Glaube an die Menschlichkeit uns bis in die Gegenwart hinein verpflichten. Gestern vor 82 Jahren, am 9. Juni 1944, endete das Leben von Johanna Kirchner in Berlin-Plötzensee unter dem Fallbeil eines Unrechtsregimes.
Sie starb, weil sie sich nicht beugte.
Sie starb, weil sie tat, was in einer Diktatur als das schwerste Verbrechen galt: Sie half Verfolgten. Sie organisierte Fluchtwege. Sie zeigte Solidarität, wo der Staat den Hass zur Staatsräson erhoben hatte.
An ihrem Todestag blicken wir nicht nur zurück in die Geschichte. Wir blicken in den Spiegel unserer eigenen Zeit.
Johanna Kirchner hinterließ ihren Kindern vor ihrer Hinrichtung die Worte: „Weint nicht um mich. Ich glaube an eine bessere Zukunft für euch.“
Wenn wir uns heute die politische Situation in unserem Land ansehen, müssen wir uns selbstkritisch fragen: Lösen wir dieses Versprechen einer besseren, einer bleibend freien Zukunft gerade ein? Oder lassen wir zu, dass die Fundamente, für die Johanna Kirchner ihr Leben gab, Risse bekommen?
II. Der historische Kern: Widerstand gegen den Totalitarismus
Wer war Johanna Kirchner? Sie war Sozialdemokratin, Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt, eine Frau der Praxis und des tiefen demokratischen Bewusstseins. Schon vor 1933 warnte sie unermüdlich vor dem Gift des Nationalsozialismus. Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, floh sie nicht, um sich zu verstecken, sondern um den Widerstand aus dem Exil fortzusetzen. Im Saargebiet und in Frankreich half sie Emigranten und antifaschistischen Kämpfern.
Sie wurde verraten, von der Vichy-Regierung ausgeliefert und vom berüchtigten „Volksgerichtshof“ unter Roland Freisler wegen angeblichen Hochverrats zum Tode verurteilt.
Ihr Vergehen war der unerschütterliche Widerstand...
- ...gegen die systematische Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas,
- ...gegen die Einteilung von Menschen in „wertvoll“ und „minderwertig“,
- ...gegen die gezielte Verächtlichmachung demokratischer Institutionen und der freien Presse.
III. Die Gegenwart: Der Blick auf Deutschland und die AfD
Wenn wir den Bogen in das Jahr 2026 spannen, sehen wir uns in Deutschland mit einer politischen Realität konfrontiert, die viele von uns mit tiefer Sorge erfüllt. Der Rechtspopulismus und der Rechtsextremismus sind keine Phänomene am extremen Rand mehr. Sie stehen in unseren Parlamenten.
Besonders in Gestalt der Alternative für Deutschland (AfD) erleben wir eine Partei, die in Teilen vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Wir erleben eine politische Kraft, die gezielt mit Ängsten operiert, die den gesellschaftlichen Konsens spaltet und die Sprache instrumentalisiert.
Wir sprechen von einer Partei, die auf kommunaler und Landesebene gezielt gegen bestimmte Vereine und zivilgesellschaftliche Organisationen vorgeht und deren Entzug von Gemeinnützigkeit und die Kürzung von Fördergeldern fordert, weil sie sich offen in die mediale Schusslinie der Partei stellen.
Wenn heute von „Remigration“ gesprochen wird – einem verharmlosenden Begriff für die millionenfache Vertreibung von Menschen mit Migrationshintergrund –, dann müssen bei uns alle Alarmglocken schrillen. Wenn führende Politiker dieser Partei die Erinnerungskultur als „Schandfleck“ diffamieren oder die Gräuel der NS-Zeit als „Vogelschiss“ der Geschichte verharmlosen, dann greifen sie das Fundament unserer Republik an.
Wir sehen in der aktuellen politischen Debatte:
- Eine zunehmende Verrohung der Sprache in den sozialen Medien und Parlamenten.
- Einen Generalangriff auf die Unabhängigkeit der Justiz und der freien Medien.
- Die Relativierung von Menschenrechten und den Angriff auf die demokratischen Grundwerte unter dem Deckmantel des vermeintlichen „Volkswillens“.
Johanna Kirchner wusste genau, wohin ein solcher Weg führt. Sie erkannte, dass Demokratien nicht immer durch einen plötzlichen Staatsstreich sterben, sondern oft schleichend – indem das Sagbare verschoben wird, bis das Unsagbare Realität wird.
IV. Mein Appell: Haltung zeigen im Hier und Jetzt
Es reicht heute nicht mehr aus, an Jahrestagen wie diesem betroffen den Kopf zu schütteln und Kränze niederzulegen. Das Gedenken an den Widerstand verkommt zur reinen Floskel, wenn es uns im Hier und Jetzt nicht handlungsfähig macht.
Die Geschichte wiederholt sich nicht 1 zu 1. Deutschland ist eine starke, gefestigte Demokratie mit wehrhaften Institutionen. Aber Institutionen sind nur so stark wie die Menschen, die sie verteidigen.
Haltung zeigen – das ist das Vermächtnis, das uns die Johanna-Kirchner-Stiftung und die Arbeiterwohlfahrt bis heute jeden Tag ins Stammbuch schreiben.
- Wir müssen widersprechen: Wenn am Arbeitsplatz, im Verein oder am Stammtisch rassistische oder demokratiefeindliche Parolen fallen.
- Wir müssen wählen gehen: Und den demokratischen Kräften den Rücken stärken.
- Wir müssen die Zivilgesellschaft stützen: Uns engagieren, laut sein und durch unser Tun und tägliche Arbeit zeigen, dass die Mehrheit in diesem Land fest auf dem Boden des Grundgesetzes steht.
V. Ein Leben für die Freiheit
Liebe Anwesende,
Johanna Kirchner hat den Tag der Befreiung vom Faschismus nicht mehr erlebt. Aber sie war sich gewiss, dass Tyrannei und Hass niemals das letzte Wort behalten werden.
Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft kein historischer Irrtum war. Lassen Sie uns der AfD und allen Feinden der offenen Gesellschaft mit der Klarheit und Entschlossenheit entgegentreten, die diese Demokratie verdient.
Wir sind es Johanna Kirchner schuldig, wir sind es uns selbst und den kommenden Generationen schuldig.
Vielen Dank.
Axel Dornis.


